Die zehn Lehen des Zweistromtals
Das Zweistromtal ist in zehn Lehen gegliedert, deren Herren unmittelbar dem Kaiser des Mittelreichs unterstehen. Die alten Adelsgeschlechter verstehen sich vornehmlich als Ritter und Beschützer ihrer Untertanen. Anstelle prunkvoller Schlösser unterhalten sie Burgen, Wachtürme und bewaffnete Gefolgschaften. Hohe Steuern und Abgaben dienen offiziell der Sicherung des Argas, der südlichen Flussläufe und der Grenzen zu den Fürstentümern und Südlanden.
Die Lehen unterscheiden sich durch Landschaft und Aufgabe erheblich. Im Norden liegen wohlhabende Ackerbaugebiete und wichtige Handelsplätze, während die südlichen Herrschaften Weinberge, Felsenschluchten, Sümpfe und schwer zu überwachende Wasserwege sichern. Die Grenzen folgen häufig Flüssen, alten Straßen, Höhenzügen oder Entwässerungsgräben und sind nicht überall eindeutig festgelegt.
Gemeinsame Herrschaftsordnung
Jeder Lehnsherr übt in seinem Gebiet die hohe Gerichtsbarkeit aus, zieht Abgaben ein und stellt Truppen für den Kaiser. Die Burgen dienen zugleich als Verwaltungssitze, Vorratslager und Zufluchtsorte. Zum Gefolge gehören Ritter, Schreiber, Verwalter und eine verhältnismäßig kleine Zahl dauerhaft besoldeter Soldaten. Im Kriegsfall werden zusätzliche Bauernaufgebote und angeworbene Landsknechte herangezogen.
Über gemeinsame Fragen beraten die Lehnsherren miteinander, ohne eine eigene, vom Kaiser unabhängige Regierung zu bilden. Streit entsteht vor allem über Grenzverläufe, Wasserrechte, Straßenunterhalt und die Verteilung der Kosten für Wachtürme und Flussbefestigungen. Wohlhabende Städte und Handelshäuser können die Entscheidungen ihrer jeweiligen Herren erheblich beeinflussen.
Die nachfolgende Einteilung beschreibt die zehn überlieferten Lehen von Norden nach Süden.
Die nördlichen Lehen
Wasserburg
Das nordwestliche Lehen wird von der gleichnamigen Stadt Wasserburg und ihrer prachtvollen Wasserfestung beherrscht. Der vom Argas gespeiste See schützt die Burg und bewässert Obstgärten, Weiden und Felder. Wasserburg kontrolliert wichtige Wege entlang der westlichen Grenze und unterhält mehrere kleinere Befestigungen an Dämmen und Furten.
Über die Grenzen des Tales hinaus ist das Lehen für seine Musikanten bekannt. Die Herrschaft fördert deren Auftritte, da reisende Spielleute Ansehen und Nachrichten nach Wasserburg bringen. Zwischen dem ritterlichen Selbstbild des Hofes und dem ungezwungenen Leben der Künstler kommt es dennoch häufig zu Spannungen.
Auenmark
Auenmark umfasst einen besonders fruchtbaren Abschnitt zwischen den beiden Strömen. Überschwemmungen lagern dort dunklen Schlamm ab, können aber Dörfer, Brücken und Mühlen bedrohen. Getreide, Gemüse und Vieh aus Auenmark versorgen zahlreiche Orte des Tales.
Der Lehnshof ist vor allem mit der Pflege von Deichen, Kanälen und Entwässerungsgräben beschäftigt. Frondienste an diesen Anlagen gehören zu den wichtigsten Pflichten der Bevölkerung. Wenn ein Damm bricht, entbrennt schnell Streit darüber, welches Dorf oder welcher Grundherr seine Arbeiten vernachlässigt hat.
Isornwacht
Dieses Lehen liegt dort, wo der Isorn aus Cor in das Zweistromtal eintritt. Seine Burgen und Zollstellen überwachen den Verkehr zwischen dem kaiserlichen Kernland und dem Westen. Die Straßen und Flussübergänge machen Isornwacht zu einem wichtigen Rastplatz für Händler, Boten und Soldaten.
Die Herren von Isornwacht gelten als besonders eng mit dem Kaiserhof verbunden. Sie müssen jedoch zwischen kaiserlichen Ansprüchen, den Interessen der Diesheimer Kaufleute und den Bedürfnissen der umliegenden Dörfer vermitteln. Bei Hochwasser verlagert sich der Flusslauf mitunter und lässt alte Zollrechte zweifelhaft werden.
Die mittleren Lehen
Diesheim
Das Lehen Diesheim umfasst die größte Stadt des Zweistromtals und das Land um die Mündung des Isorn in den Gerras. Speicher, Kontore und Flößereien machen Diesheim zum wirtschaftlichen Mittelpunkt der Region. Ein großer Teil der landwirtschaftlichen Überschüsse aller zehn Lehen wird hier gesammelt und weiterverkauft.
Der Lehnsherr ist auf die Steuern, Kredite und Schiffe der großen Handelshäuser angewiesen. Dadurch besitzt die Stadt mehr Einfluss auf ihre Herrschaft als die meisten ländlichen Gemeinden. Strenge Marktgesetze, Zölle und Strafen sollen den Warenverkehr ordnen, schaffen jedoch auch lohnende Möglichkeiten für Bestechung und Schmuggel.
Gerrasfeld
Östlich der großen Kornfelder erstreckt sich Gerrasfeld entlang des Gerras. Das Lehen ist für ausgedehnte Getreideflächen, Mühlen und Viehmärkte bekannt. Seine Häfen sind kleiner als die Diesheims, übernehmen aber einen erheblichen Teil des örtlichen Flusshandels.
Die offene Landschaft lässt sich nur schwer befestigen. Statt weniger großer Burgen unterhält die Herrschaft zahlreiche befestigte Gutshöfe und Signaltürme. Bei Gefahr sollen deren Feuer die Bevölkerung warnen und Reiter aus den benachbarten Lehen herbeirufen.
Brückenau
Brückenau liegt an mehreren wichtigen Übergängen über Nebenarme und alte Flussrinnen. Händler aus Cor, Diesheim und dem Süden treffen hier auf Bauernmärkte und Viehtriebe. Brückenzölle bilden eine bedeutende Einnahmequelle der Herrschaft.
Das Lehen leidet besonders unter wechselnden Wasserständen. Neue Furten können einen alten Handelsweg bedeutungslos machen, während eine zerstörte Brücke ganze Dörfer vom Markt abschneidet. Die Lehnsherren investieren deshalb viel Geld in Steinbrücken, Dämme und bewaffnete Straßenposten.
Die südlichen Lehen
Elebin
Das Lehen Elebin umfasst die sanften Hügel am Übergang zum südlichen Zweistromtal. Seine terrassierten Weinberge bringen einige der besten Weine und Weinbrände Ganthors hervor. Wohlhabende Winzerfamilien, Küfer und Händler prägen das Gebiet stärker als in den übrigen ländlichen Lehen.
Die Herrschaft schützt die wertvollen Güter und überwacht Maße, Herkunftszeichen und Handelswege. Zwischen Lehnshof und Winzerfamilien besteht ein enges, aber spannungsreiches Abhängigkeitsverhältnis. Schmuggel und Fälschungen bedrohen sowohl die Einnahmen als auch den Ruf der Region.
Harond
Auch Harond ist vom Weinbau geprägt. Der gleichnamige Hauptort dient als Markt für die südlichen Güter und ist für seine Brennereien bekannt. Die Einwohner pflegen eine ausgeprägte Rivalität mit Elebin und führen jeden gelungenen Jahrgang als Beweis für die Überlegenheit ihrer eigenen Hänge an.
Neben dem Weinhandel sichert Harond Straßen in Richtung der Felsenschluchten. Die Burg des Lehens beherbergt eine vergleichsweise starke Reitertruppe, die Handelszüge begleitet und gegen Räuber vorgeht. Ihr Unterhalt wird teilweise durch Abgaben auf Wein und Branntwein finanziert.
Argaswacht
Argaswacht erstreckt sich entlang der sumpfigen Westgrenze. Mehrere Burgen und befestigte Dörfer überwachen den Argas, dessen gegenüberliegendes Ufer von schwer zugänglichen Mooren beherrscht wird. Die Bewohner leben von Fischfang, Viehzucht, Schilf und der Versorgung der Grenzbesatzungen.
Das Lehen trägt einen besonders großen Anteil an den Kosten der westlichen Verteidigung. Hochwasser unterspült Mauern und verändert Fahrrinnen, während gefährliche Tiere und Wesen aus den Sümpfen bisweilen den Strom überwinden. Die Ritter von Argaswacht genießen im Tal hohes Ansehen, gelten aber als verschlossen und abergläubisch.
Stromfels
Stromfels bildet das südlichste Lehen. Hier zwängen sich Argas und Gerras durch tiefe Felsenschluchten, bevor sie in die morastige Deltaebene eintreten. Auf den Höhen stehen Wachtürme und kleine Festungen, von denen aus Schiffe und Wege beobachtet werden.
Zum Lehen gehören die Akademie der Kriegskunst zur See und mehrere Stützpunkte der Flusssoldaten. Trotz dieser Befestigungen kann die Herrschaft das weit verzweigte Delta nicht vollständig kontrollieren. Schmuggler, Plünderer und Kundschafter aus den Südlanden nutzen verborgene Wasserarme, während die Besatzungen zugleich gegen Pflanzenwuchs, Krankheiten und Hochwasser kämpfen.
Beziehungen zwischen den Lehen
Die nördlichen und mittleren Lehen erwirtschaften den größten Teil des Korns und kontrollieren den Handel mit Cor. Die südlichen Lehen tragen dagegen die Hauptlast der Grenzsicherung und werfen ihren Nachbarn bisweilen vor, von ihrem Schutz zu profitieren, ohne ausreichend zu dessen Kosten beizutragen. Besonders die Instandhaltung der Wachtürme und die Finanzierung der Flusssoldaten führen regelmäßig zu Auseinandersetzungen.
Diesheim nimmt eine Sonderstellung ein. Die dortigen Händler kaufen Ernten in sämtlichen Lehen auf und gewähren Bauern wie Adeligen Kredite. Selbst ein mächtiger Lehnsherr kann dadurch wirtschaftlich von der Stadt abhängig werden. Wasserburg besitzt dagegen vor allem kulturelles Ansehen, während Elebin und Harond um den Ruf als beste Weinregion des Tales wetteifern.
Der Kaiser kann Rivalitäten nutzen, um die Entstehung eines geschlossenen westlichen Machtblocks zu verhindern. In Zeiten äußerer Bedrohung sind die Lehnsherren jedoch aufeinander angewiesen: Signalfeuer, Botenwege und Aufgebote verbinden ihre Burgen zu einem gemeinsamen Verteidigungssystem.
Magier im Dienst der Lehen
Die Lehnsherren des Zweistromtals unterscheiden sich erheblich in ihrer Haltung zur Magie. Nur wenige können oder wollen dauerhaft einen eigenen Hofmagier unterhalten. Ein solcher Magier berät seinen Herrn bei übernatürlichen Bedrohungen, untersucht verdächtige Gegenstände und Erscheinungen und schützt wichtige Urkunden, Schatzkammern oder Teile einer Burg.
In den meisten Lehen werden Magier nur für einzelne Aufgaben angeworben. Wohlhabende Herrschaften wenden sich dafür an das Magierkontor in Diesheim, während abgelegenere Burgen gelegentlich reisende Magier oder Gelehrte aus Cor und Kalesch beschäftigen. Zwischen den Lehnsherren entstehen dadurch Abhängigkeiten: Wer über einen erfahrenen Hofmagier verfügt, wird nicht selten auch von seinen Nachbarn um Hilfe gebeten.
Besonders gefragt sind magische Fachleute in Elebin und Harond, wo sie im Weinbau und beim Schutz wertvoller Keller eingesetzt werden. Die südlichen Grenzlehen benötigen ihre Unterstützung dagegen vor allem bei der Untersuchung gefährlicher Kreaturen, ungewöhnlicher Sumpferscheinungen und mutmaßlich magisch unterstützten Schmuggels.
Die Beschäftigung eines Magiers gilt zugleich als Zeichen von Wohlstand und Einfluss. Sie kann jedoch Unmut hervorrufen, wenn die damit verbundenen Kosten durch höhere Abgaben auf die Bewohner eines Lehens abgewälzt werden.
Ideen für Abenteuer
- Zwei Lehen beanspruchen eine Insel, die nach einem Hochwasser an einer neuen Stelle im Fluss liegt.
- Geld für die Erneuerung eines Wachturms ist verschwunden. Jeder der beteiligten Höfe beschuldigt einen anderen.
- Ein Diesheimer Handelshaus besitzt Schuldscheine mehrerer Lehnsherren und versucht, daraus politische Rechte abzuleiten.
- Ein Signalfeuer an der Westgrenze wird entzündet, doch die ausgesandten Reiter finden weder Feinde noch die Besatzung des Turms.
- Der Kaiser entsendet einen Prüfer, um Abgaben und Truppenstärken zu kontrollieren. Mehrere Lehnsherren haben Gründe, seine Ankunft zu fürchten.